Trump dominierte, Europa rang um Haltung, und die Tech-Elite träumte von Superintelligenz. Was in Davos wirklich passiert ist – und was es für die Welt bedeutet.
Das Motto: Zusammenarbeit in einer zersplitterten Welt
Das WEF 2026 stand unter fünf Leitfragen – von Kooperation in einer umkämpften Welt bis hin zu Innovation und planetaren Grenzen. Doch die Realität erzählte eine andere Geschichte: Es ging um Macht, Drohungen und die Frage, ob die regelbasierte Weltordnung überhaupt noch existiert.
Über 60 Staats- und Regierungschefs kamen vom 19. bis 23. Januar ins verschneite Davos. Der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin eröffnete mit einem Appell zur Einheit, um «dauerhafte Lösungen für die grossen Herausforderungen unserer Zeit» zu finden.
🇺🇸 Trump: Der Elefant in den Alpen
Donald Trump brachte die grösste US-Delegation aller Zeiten nach Davos – und dominierte das gesamte Forum. Seine Rede war eine «Classic Trump Performance», wie Ex-Vizepräsident Al Gore es nannte.
«Wir werden wahrscheinlich nichts bekommen, es sei denn, ich entscheide mich, übermässige Stärke und Gewalt einzusetzen – wo wir offen gesagt unaufhaltbar wären. Aber ich werde das nicht tun.» — Donald Trump über Grönland
Trump warnte die NATO-Mitglieder: «Ihr könnt Ja sagen, und wir werden sehr dankbar sein. Oder ihr könnt Nein sagen, und wir werden uns erinnern.» Er bezeichnete Teile Europas als «nicht mehr wiederzuerkennen» und nannte Klimapolitik «den vielleicht grössten Schwindel der Geschichte».
Gleichzeitig lancierte er in Davos sein «Board of Peace» – eine neue Initiative, deren erste Sitzung am Rande des Forums stattfand.
🇪🇺 Europa: Zwischen Trotz und Ratlosigkeit
Das Forum wurde zum Schauplatz einer europäischen Identitätskrise. Die Reaktionen auf Trumps Grönland-Forderungen und Zolldrohungen zeigten eine Bandbreite von Trotz bis Resignation.
Emmanuel Macron lieferte das meistzitierte Statement – mit Sonnenbrille:
«Es ist ein Wandel hin zu einer Welt ohne Regeln, in der internationales Recht mit Füssen getreten wird und in der das einzige Gesetz, das zu zählen scheint, das Recht des Stärkeren ist.» — Emmanuel Macron, Präsident Frankreichs
Mark Carney, Kanadas Premierminister, sprach von einem «Bruch, nicht einem Übergang»:
«Die alte Weltordnung kommt nicht zurück. Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.» — Mark Carney, Premierminister Kanadas
Wolodymyr Selenskyj lieferte die schärfste Europa-Kritik:
«Europa sieht verloren aus. Es versucht, den US-Präsidenten zu überzeugen, sich zu ändern. Aber er wird sich nicht ändern. Präsident Trump liebt, wer er ist.» — Wolodymyr Selenskyj
Er fragte provokant: «Wenn ihr 14 oder 40 Soldaten nach Grönland schickt, was soll das?» – und warum Europa nicht in der Lage sei, Russlands Schattenflotte zu stoppen: «Wenn Putin kein Geld hat, gibt es keinen Krieg für Europa.»
Gavin Newsom, Kaliforniens Gouverneur, ging am weitesten: «Ich hätte ein paar Knieschützer für alle Weltführer mitbringen sollen. Ich hoffe, die Leute verstehen, wie erbärmlich sie auf der Weltbühne aussehen.»
🤖 KI: Das zweite Gravitationszentrum
Neben der Geopolitik war Künstliche Intelligenz das beherrschende Thema. Die Tech-Elite war in voller Stärke vertreten – und grundlegend uneins über die Zukunft.
Die AGI-Debatte
- Demis Hassabis (Google DeepMind): «5 bis 10 Jahre bis zu echter AGI.»
- Dario Amodei (Anthropic): «Könnte 2026–2027 kommen.»
- Sam Altman (OpenAI): «Wir sind bereits an der Schwelle zur Superintelligenz.»
Elon Musk in Davos
Musks erster Davos-Auftritt überhaupt war gespickt mit Vorhersagen über Roboter, KI, Alterung und eine «Explosion der wirtschaftlichen Produktivität». Seine xAI hatte wenige Wochen zuvor 20 Milliarden Dollar eingesammelt – die grösste KI-Finanzierungsrunde aller Zeiten.
OpenAI will Hardware
Chris Lehane bestätigte: OpenAI plant für H2 2026 ein eigenes Consumer-Gerät – designt von Jony Ive. Das «iPhone-Moment» der KI-Ära?
Jobs statt Angst
Überraschend: Die Angst vor Jobverlusten rückte in den Hintergrund. Die CEOs fragten nicht mehr «Wird KI Jobs vernichten?», sondern «Wie schnell kann KI unsere Produktivität steigern?»
📊 Handel: Neue Deals, neue Fronten
Die EU-Mercosur-Freihandelsvereinbarung war eines der greifbaren Ergebnisse. Ursula von der Leyen deutete zudem einen «Mega-Deal» zwischen EU und Indien an.
Gleichzeitig warnte sie: «Eine Abwärtsspirale würde nur genau jenen Gegnern nützen, die wir beide aus der strategischen Landschaft fernhalten wollen.»
Javier Milei nutzte die Bühne für sein drittes Davos in Folge und verkündete 13'500 Strukturreformen: «Make Argentina Great Again.»
🇨🇠Schweizer Perspektive
Die Schweiz spielte als Gastgeberin eine zurückhaltende Rolle. Guy Parmelins Eröffnungsrede setzte auf diplomatische Töne.
Bemerkenswert: Benjamin Netanjahu blieb dem Forum fern, weil die Schweiz als Unterzeichnerin des Römer Statuts verpflichtet wäre, den IStGH-Haftbefehl gegen ihn zu vollstrecken. Israels Präsident Isaac Herzog nahm an seiner Stelle teil.
Auch die Einladung an Irans Aussenminister Abbas Araghchi wurde zurückgezogen – als Reaktion auf die gewaltsame Niederschlagung der Proteste im Iran.
đź’¬ Die wichtigsten Zitate
«Die Welt befindet sich in einem Bruch, nicht in einem Übergang. Die alte Weltordnung kommt nicht zurück.»— Mark Carney
«Es ist ein Wandel hin zu einer Welt ohne Regeln, in der das einzige Gesetz das Recht des Stärkeren ist.»— Emmanuel Macron
«Europa sieht verloren aus.»— Wolodymyr Selenskyj
«Wir sind bereits an der Schwelle zur Superintelligenz.»— Sam Altman
«Ihr könnt Ja sagen, und wir werden dankbar sein. Oder ihr könnt Nein sagen, und wir werden uns erinnern.»— Donald Trump
«Ich hätte ein paar Knieschützer für alle Weltführer mitbringen sollen.»— Gavin Newsom
Fazit: Ein Spiegel einer gebrochenen Welt
Davos 2026 war, wie Reuters schrieb, «kein Treffen, sondern ein Spiegel einer gebrochenen Welt». Die wichtigsten Gespräche fanden nicht im Kongresszentrum statt, sondern in Nebenräumen und informellen Runden.
Das Forum zeigte eine Welt im Umbruch: Die regelbasierte Ordnung erodiert, die USA setzen auf «America First» mit neuem Nachdruck, Europa sucht verzweifelt nach einer eigenen Stimme, und die KI-Revolution wartet auf niemanden.
Die Frage, die ĂĽber dem verschneiten Davos hing, hat niemand beantwortet: Wer schreibt die Regeln der neuen Weltordnung?
Quellen: World Economic Forum · Reuters · Euronews · Wikipedia